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Rumänien 2010: Roşia, Scoala de Arte si Meserii Waldorf Hans Spalinger

„Making Worlds“ lautete das Motto der größten Kunstshow im letzten Jahr, der Biennale in Venedig; „Making Worlds“ hieß auch das Thema des zweiten Kunstprojekts, das in Rumänien in der für Roma gegründeten Waldorfschule in Rosia stattfand. Die Gleichsetzung von offizieller Kunstwelt und Lebenswirklichkeit in einem sozialen Brennpunkt klingt scheinbar anmaßend: Die eigene Welt mit Kunst gestalten, sich eine eigene Welt erfinden, eine „künstlerische Haltung“ entwickeln- und das mitten im „Unterdorf“ in Rosia, wo der Einzelne in Großfamilien in oft sehr zerfallenen Einraumhäusern lebt, oftmals nicht einmal ein eigenes Bett, geschweige denn einen eigenen Lebensraum hat und natürlich kein Profikünstler ist. Doch genau dies ist Konzept.

Mit dem Thema sollten vor allem die Jugendlichen in der Pubertät in den Klassen 7 bis 10 angesprochen werden, um sich selbst im künstlerischen Tun als schöpferische Akteure zu entdecken, den eigenen Innenraum wie auch den Außenraum in der Auseinandersetzung mit Licht und Schatten, Hell und Dunkel bewusst wahrzunehmen, autobiografische Spuren zu sichten, eigene Wertsysteme zu reflektieren. Die Phase der Pubertät stellt eine besondere Hürde in der Lernbiografie der Roma in Rosia dar. Parallel zu den großen psychischen und körperlichen Umbrüchen auf allen Gebieten sind die Jugendlichen schon mit 14 bis 15 Jahren mit Eheschließung und Familiengründung befasst. Sie zeigen oft ein reduziertes Interesse, die eigene schulische Laufbahn in einen Abschluss münden zu lassen, um so die eigenen Lebensverhältnisse aktiv zu verändern. Gewalttätigkeit, Umweltprobleme, soziale Benachteiligung und Zukunftssorgen bedingen die Lebensverhältnisse der Jugendlichen eklatant.

Dies beschreibt zentrale Erkenntnisse aus dem ersten Projekt, das im Oktober 2008 statt gefunden hatte.

Die Basis für die gemeinsame Arbeit bildete auch in diesem Jahr der Chor mit der ganzen Schule. Dicht gedrängt standen jeden morgen nach dem Hauptunterricht in der Kantine ca. 80 Schülerinnen von Klasse 1-10 zusammen, um für vierzig Minuten mit Friedemann Geisler Kanons und Rhythmen einzuüben. Von „Viva la musica, über „I like the flowers“ zu „Shalom alachem. Eine erstaunliche Aktion, weil die Schüler bis in die hohen Klassen so begeistert und diszipliniert mitmachten. Man konnte unmittelbar an die Arbeit aus dem vorigen Projekt anknüpfen. Auch der „Schlager“ von 2008, „Adjau ma muna djoé, der bis ins Unterdorf zu hören gewesen war, funktionierte noch ad hoc.


„Making Worlds“ wurde in unterschiedlichen bildnerischen Workshops realisiert, die über eine Woche zweimal täglich stattfanden und nach einem kleinen Konzert in eine sorgfältig vorbereitete Abschlussausstellung mündeten:

Die Klasse 7 befasste sich unter Leitung von Ulrika Eller-Rüter mit dem Thema „Licht“ in Form von Goldgrund- und Glasmalerei. Nach Grundlagen-Übungen sollte jeder Schüler das für ihn Kostbarste, Wichtigste in Form von kleinformatigen „Ikonen“ auf Goldgrund festhalten. Damit war auch der Bezug zur lokalen Tradition der rumänisch-orthodoxen Ikonenmalerei hergestellt, die den Kindern durch den gemeinsamen Besuch der Dorfkirche zugänglich gemacht wurde. Voller Begeisterung stiegen die Kinder in die Arbeit ein, pinselten mit Akribie in stundenlanger Ausdauer Heiligenfiguren, Engel und Blumen. Sogar die kernigeren Jungs hingen stundenlang mit der Nase über ihren Bildchen und schauten erst wieder auf, als ihr „Werk“ vollendet war. Erstaunlich, dass keiner als „Kostbarstes“ seinen Lieblingsstar darstellte.

Licht spielte auch die zentrale Rolle in der großformatigen Glasmalerei im Eingangsbereich des Klassenpavillons. Jeder Schüler, jede Schülerin war verantwortlich für eine Farbe und aktiv daran beteiligt, gemeinsam eine bunte Landschaft, die der herrlichen Karpatensilhouette nachempfunden war, entstehen zu lassen. Zur Krönung des Ganzen konnte jeder zum Schluss noch eine kleine Hinterglasikone malen, in der die beiden gestalterischen Schwerpunkte des Workshops zusammenflossen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Kinder in ihrer Ausdrucksweise von Bild zu Bild immer differenzierter und geschickter geworden waren.


In der 8. Klasse wurde unter der Leitung von Tihana Biscan, Helke Rah, Mirjam Wingender und Hanne Willnow zum Thema „Hell – Dunkel“ gezeichnet. Anhand von Frottagen konnte die Oberfläche der Dinge genauer beobachtet und schnell eine Fantasielandschaft gezaubert werden. Ein Zugang zum Thema war damit unmittelbar möglich und die Lebenswelt direkt mit einbezogen. Durch eine Reihe von Übungen, die sich im Schwierigkeitsgrad steigerten, machten die SchülerInnen eine beachtliche Entwicklung durch und waren mit Recht stolz auf die guten Ergebnisse. Sie konnten sich mittels differenzierter Helldunkelwerte, klarer Konturen den Bildraum sichtbar „erobern“, d.h. ihren Arbeiten eine tiefenräumliche Wirkung verleihen. Betrat man während der Übungen den Klassenraum, so herrschte eine emsige Stille. Sogar „schwierige“ Jugendliche waren bestens zu motivieren und machten durch die fürsorgliche Betreuung der Kursleiterinnen beachtliche Fortschritte und wuchsen weit über sich hinaus.

In der 10. Klasse ging es unter der Leitung von Uschi Fröhler, Ruth Gerresheim, Katharina Quecke und Verena Veit um die Illustration von Lebensgeschichte in unterschiedlichen Buchformen. Das Team gliederte die Arbeit in einen technischen Teil am Morgen, in welchem die Bücher hergestellt und einen künstlerisch-gestalterischen am Nachmittag, in welchem die Bücher mit Inhalt gefüllt wurden, z.B. als Tagebuch. So lernten die SchülerInnen unterschiedliche Bindearten kennen, wie die Lagenbindung, den Leporello, das Dreiecksfaltbuch und ein Faltbuch in Haus-Form. Das Interesse an dem Workshop war so groß, dass sogar Ehemalige wieder in die Schule kamen, um Bücher für sich zu binden. Dankbar wurden die Anregungen für ein handwerklich präzises Arbeiten aufgenommen und dabei manches Talent entdeckt. Bei der Gestaltung von „Lebensgeschichten“ zur eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fiel auf, in welch einfacher, stereotyper Zeichensprache sich die SchülerInnen ausdrückten. Wichtig war hier weniger die Entwicklung gestalterischer Fähigkeiten, als der persönliche Bezug, die Authentizität und die Identifikation mit der eigenen Arbeit: das Buch als persönlicher „Raum“. Das beweisen die Ergebnisse.

Schüler mit Lernbehinderungen aus der 7. und 8. Klasse arbeiteten parallel zu den bildnerischen Workshops mit Friedemann Geisler zum Thema „Rhythmus“. Das war kein leichtes Unterfangen, da gerade diese Schüler eine sehr geringe Konzentrationsfähigkeit hatten und kaum Hände und Füße koordinieren konnten. Als die 6. Klasse hinzukam, war die Situation entspannter für sie, da sie in eine Gruppe integriert waren, in der es auch „Könner“ als Orientierung gab.

Für die jüngeren Klassen, die nicht mit Workshops „versorgt“ wurden, gab es nachmittags im „Offenen Atelier“ Angebote für T-Shirt-Druck, Malen und Bänderflechten, die gern angenommen wurden.

Ein besonderes kulturelles Ereignis stellten die Kurse für Mütter aus dem Unterdorf dar. Vier Mütter waren zum Singen gekommen, um die Kanons kennenzulernen, die ihre Kinder morgens übten. Mit Begeisterung trällerten sie vielstimmig in der Einstimmigkeit. Das Angebot von Kaffee und Plätzchen machte das Ereignis noch mal so attraktiv. Am nächsten Abend kamen zum Malkurs schon sechs Mütter und malten wie die 7. Klasse auf gold grundierten Malpappen ihre „Ikonen“. Wie ihre Kinder arbeiteten sie mit Feuereifer und höchster Genugtuung.

Insgesamt war das Projekt eine „runde Sache“, da das vor gut einem Jahr Angelegte sichtbar und hörbar fortentwickelt werden konnte. Um die Nachhaltigkeit „nachhaltig“ zu gewährleisten, macht es Sinn (und Spaß)die Arbeit fortzusetzen. Doch gilt es zunächst die Existenz dieser Schule zu retten. Von staatlicher Seite war vor einem Jahr schon die Berufschule abgeschafft worden, so dass in Rosia der Unterricht ab Klasse 8 beendet werden muss. Jetzt hat sich durch die Staatsverschuldung die politische Situation eklatant verändert und die alternativen Schulformen sollen mit den öffentlichen im Hinblick auf die Schülerzahlen und eine damit verknüpfte Budgetierung gleichgeschaltet werden. Die Waldorfschule in Rosia, die ein echter Beitrag zur kulturellen Integration einer Minderheit darstellt und immerhin auf EU-Ebene im Rahmen des KUSCH- Projektes als förderungswürdig erachtet wird, muss erhalten bleiben

Ulrika Eller-Rüter

 
  Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.
 
     
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