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Musikvortrag, Symposium
3.-4.9.2010, Alanushochschule, Alfter

Musikvortrag

Friedemann Geisler

1. Einleitung
„Einsatzgebiete“ von „Musiken“ (Den Begriff „Musiken“ verstehe ich hier als ein Oberbegriff aller
Musiken der verschiedenen Kulturkreise, eine Anregung von Ch. Kaden):
• „Musiken" an sich als Betätigungsfeld des praktizierenden Künstlers
• „Musiken“ auch als Kunstgenuss
• „Musiken“ werden funktionalisiert, als Stimulanz, als Therapie, in der Therapie
• „Musiken“ umgeben uns überall
Die Beispiele stehen dafür, dass „Musiken“ Wirkungen auf den Menschen haben, auch wenn man wissenschaftlich noch nicht nachweisen kann, wie sie entstehen. Wohl aber, dass es sie gibt.

1.1. Musikprojekte
MUS-E

In der Yehudin-Menuhin- Stiftung gibt es MUS-E. Einmal pro Woche bestreiten Künstler aus Theater, Tanz, Musik und bildender Kunst zwei Schulstunden unter Mitwirkung der Lehrer. MUS-E eröffnet insbesondere Kindern in sozial benachteiligten Stadtteilen den Zugang zu Kunst und macht sie erfahrbar.

„Rhythm´is it“
Im Februar 2003 wurde in Berlin ein Tanzprojekt „Rhythm is it“ ins Leben gerufen. Beteiligt waren 250 Kindern und Jugendliche aus 25 Nationen. Nach Anleitung des Choreografen und
Tanzpädagogen Royston Maldoom probten sie die Aufführung von Igor Stravinskys Ballett „Le sacre du printemps“. Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Sir Simon Rattle spielten das Werk. Bei diesem Projekt musizierten eines der besten Orchester der Welt mit Kindern und Jugendlichen, die zum Teil keine Berührungspunkte mit Kunst schlechthin bis dato gehabt hatten.

West-Eastern-Divan-Orchestra
Das West-Eastern- Divan- Orchestra ist ein 1999 in Weimar im Rahmen der Europäischen Kulturhauptstadt gegründetes Symphonieorchester, das sich aus jungen Musikerinnen im Alter von 14 bis 25 Jahren zusammensetzt, die aus Ägypten, Syrien, dem Libanon, Jordanien, Tunesien, Israel/Palästina, Deutschland und Andalusien kommen. Es wurde von dem argentinischisraelischen Dirigenten Daniel Barenboim, dem in Palästina geborenen, inzwischen verstorbenen, amerikanischen Literaturwissenschaftler Edward Said und dem Generalbeauftragten der
Europäischen Kulturhauptstadt, Bernd Kauffmann, gegründet.

El Sistema
Ein anderes Projekt ist „El Sistema“, 1975 in Venezuela ins Leben gerufen. Der Hobby-Musiker José Antonio Abreu war der Initiator. Er bot Kindern aus den Slums kostenlosen Musikunterricht an. Das Ergebnis von “El Sistema” ist heute, dass 90 daraufhin gegründete Schulen über 250.000 Kinder unterrichten.

1.2.
Was charakterisiert unser Projekt „Kunst in Schulen“?
In unseren Projekten geht es zuallererst einfach darum, gemeinsam zu musizieren, Interesse an der 1/4 Musik zu entwickeln, Musik kennen zu lernen, ziel- und zwecklos. Wir knüpfen an das Können der Menschen an und überlassen das weitere dem künstlerischen Prozess. Wir kommen in die Projekte als Künstler, nicht als Pädagogen, auch wenn wir das z.T. in unserem Gepäck mitbringen. Es geht nicht um die Ausbildung von speziellen professionellen Fertigkeiten wie z.B. Instrumentalunterricht am Klavier. Sondern wir orientieren uns an den Menschen, den Gegebenheiten, dem Ort und entwickeln gemeinsam ein künstlerisch auszugestaltendes Thema für eine Projektzeit. Für das Musizieren bedeutet das, dass wir als große Gruppe chorisch arbeiten und je nach Möglichkeit Musikkurse für kleinere Gruppen anbieten. Die Institutionen, in denen wir arbeiten, liegen direkt im sozialen Brennpunkt oder beschulen zumindest Kinder und Jugendliche aus einem solchen.

1.3.
Musikalische Fähigkeiten und Transferforschung
Jeder Mensch erwirbt sich durch das Musizieren Fähigkeiten, mit denen er mittels Übertragung (Transfer), so er will!, an seinem sozialen Umfeld mit-schaffen kann. Es gibt da keinen
Automatismus. Erarbeitet er sich die Transfermöglichkeit schon in der Kindheit und Jugend, geschieht die Übertragung eher unbewusst. Erst im Erwachsenwerden, wenn man diese Übertragungsmöglichkeiten bewusst zur Kenntnis genommen und geübt hat, kann man sie gezielt einsetzen.
Man erwirbt sich die Möglichkeiten eines Transfers ganz aus dem künstlerischen Prozess heraus, wie nebenbei, nicht zielgerichtet, sozusagen in dem geschützten Freiraum der Kunst. Was er dann auch musikalisch zu Wege bringt, ist der hörbare Ausdruck der erworbenen Fähigkeiten. Immer individuell, immer aus der Biographie heraus.

2. Musik und die „Soziale Skulptur“
ab hier mit praktischen Übungen Musik im Mensch Tonleiter und Intervalle in der Anatomie des Menschen, Klangversuche 2/4
2.1.
4 Klangräume
I. Zwischen den Musikern
Eine musikalische Bewegung von Sänger zu Sängerin, von Musiker zu Musikerin wird hörbar. Die Menschen klingen zusammen.Vom ersten Herantasten an die musikalische Aufgabe bis zur Aufführung entsteht ein Strom der gemeinsamen Tätigkeit. Hierbei wird Klangraum erlebbar.
II. Zwischen den Akteuren und den Zuhörern
Eine andere Art der Wechselwirkung entsteht von den Musizierenden zu den Zuhörern und umgekehrt. Zuhörerinnen reagieren auf die Musiker, die Musiker auf die Zuhörerinnen. Der Funke springt sozusagen über und wird Klangraum.
III. Zwischen der Musik und den Künstlern
Ein anderer schwer zu beschreibender Raum entsteht zwischen der Musik selbst und dem Musizierenden. Man nimmt eine ganz feine Wechselwirkung wahr, die ich auch als Stimulanz bezeichnen kann. Diese Wechselwirkung ist bei Improvisationen anders als bei komponierter
Musik. Auch entsteht Klangraum.
IV. In der Räumen selbst
Beim chorischen Singen und gemeinsamen Instrumentalspiel entsteht unmittelbar eine
differenzierter Klangraum. Jeder Raum vor Ort klingt anders.
Die Atmosphäre des Raumes verändert sich und wird Klangraum.
2.2.
Freiheit – zwei mal
I. Eine bemerkenswerte Seite der musikalischen Arbeit ist die, dass jeder Teilnehmer sich frei entscheidet, mitzuarbeiten.
Menschen wenden sich freiwillig der Musik, der künstlerischen Tätigkeit zu, setzen ihre
Fähigkeiten ein und sind Willens, an deren Erweiterung zu arbeiten. Dies scheint eine Bedingung dafür zu sein, 1. in den künstlerischen Prozess zu kommen und zu bleiben und 2., dass die oben beschriebenen Klangräume entstehen können.


II. Und die Musiken selbst?
Sie verschenken sich! Es ist eine Liebesgeste.
Man kann sie bearbeiten, benutzen (wozu auch immer), analysieren, sich ergötzen, interpretieren, 3/4 die Tiefe ausloten, immer sind sie darauf angewiesen, dass jemand sie, wie auch immer, zum Erklingen bringt. Nur wenn es Menschen gibt, die sich ihrer annehmen, wird man sie erleben können. Sonst bleiben sie stumm.
In diese Klangräume fließt von allen Beteiligten großes Wohlwollen durch die gemeinsame Arbeit.
Genauso wie die Musik eine Liebesgeste macht, entsteht so eine Liebes-, für mich eine
Wärmebewegung durch die Musizierenden. Der übergeordnete Klangraum, der jetzt entsteht, wird zum Wärmeraum, wird zu eine Wärmeskulptur. Sie ist der Motor, das zentrale Element für die Ermöglichung der „Sozialen Skulptur“ (J.Beuys).
Literatur zur Transferforschung
Christian Rittelmeyer: „Warum und wozu ästhetische Bildung?, Pädagogik: Perspektiven und Theorien“ Übersicht über Projekte zum Thema „Transferforschung“
Christian Kaden: „Das Unerhörte und das Unhörbare, Was Musik ist, was Musik sein kann“ Ein Überblick über die Entwicklungsgeschichte musikalischer Wirkungen in verschiedenen Kulturen
Hans Günter Bastian: „Musik(erziehung) und ihre Wirkung“
Ein Beispiel zur Transferforschung in der Musik 4/4.

 

 
   
       
  Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung (Mitteilung) trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.
 
     
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